Angelo Carresi
Herkunft und Prägung
Angelo Carresi, 1989 in Dorsten geboren, bis heute Liedermacher, Gitarrist und Multi-Artist. Meine Biografie ist gespalten zwischen Massa-Carrara in der Toskana – der Heimat meines leiblichen Vaters – und dem ländlichen Raum des nördlichen Ruhrgebiets mütterlicherseits.
Seit meiner frühesten Kindheit erinnere ich mich an keine Zeit, in der ich nicht irgendetwas Kreatives tat. Mein italienischer Vater war Sänger, mein deutscher Großvater Bildhauer – das hat mich wohl gleichermaßen geprägt. Ich bin, wenn man so will, ein Arbeitsklassenkind; ich wuchs im Durchschnitt mal in relativer Armut und sozialer Unsicherheit auf, aber auch in mittelständischen, kleinbürgerlichen Verhältnissen.
Die Kontraste in Mensch und Landschaft, Sprache und Lebensgefühl erzeugen bis heute einen Widerspruch in mir, der mich schon früh zu einem Außenseiter formte, der das, was er ist, ständig hinterfragt und doch tief verwurzelt ist in seinen Herkünften, die oft abstoßend, aber auch anziehend auf mich wirken. Meine „Heimat“ jedoch ist vor allem aber erst einmal die Kreativität. Wenn ich auch viele Prägungen habe – negative und positive –, habe ich in ihr einen Hafen, einen Weg, manchmal sogar eine Gemeinschaft und die Möglichkeit, direkt und ohne auferlegte Maske zu sein.

Bei Opa in der Werkstatt, 1995

Marmorsteinbruch Cava Valsora, 1994
Projekte und Weggefährt:innen
Nebelhorn
Seit meinem 14. Lebensjahr bin ich Mitglied der Gruppe Nebelhorn (www.nebelhorn.org). Das gemeinsame Erschaffen und die menschlichen Erfahrungen in diesem Kreis beeinflussen mein Werk und meine Persönlichkeit bis heute. Die Gruppe Nebelhorn besteht seit 1995; beinahe täglich treffen sich in ihrem Atelier in Schermbeck Menschen mit und ohne Behinderung, um dort gemeinsam künstlerisch zu arbeiten. So ist ein offener Raum entstanden, in dem alle frei ihrer Fantasie Gestalt geben können.
Die dazu verwendeten künstlerischen Mittel reichen von Zeichnungen, Malereien, Collagen, Skulpturen, Assemblagen, Fotografien, Filmen bis zu szenischen Darstellungen. Es war für mich vom ersten Tag an eine tiefe und einschneidende Erfahrung, in die ich mit jugendlichem Leichtsinn hineintauchte. Die rohen, aus dem Bauch heraus entstandenen Arbeiten trafen mich mit einer fremden und doch vertrauten Authentizität; hier war etwas wirklich echt, ohne Filter, ohne Beschönigung, ohne Vorwarnung. Die Möglichkeit, hier meine eigene Kreativität ausüben zu können, wurde in den nächsten Jahren existenziell für mich. Ich wurde sofort von den völlig unterschiedlichen Menschen der Gruppe integriert, voll in ihre Mitte hinein. Aus diesen Kontakten entstanden langjährige Freundschaften und Verbindungen.

Nebelhorn Performance "Grenzüberschreitung" mit Ramon de Vries, Berlin, 2022
Foto: Raúl Avellaneda

Nebelhorn Performance: Madonna, 2007
Foto: Raúl Avellaneda
Mokes
Eine Verbindung, die daraus entstand, ist die jahrelang andauernde Zusammenarbeit mit Ramon de Vries, mit dem ich zusammen mit Katharina Weyers und seit 2018 mit Christian Stoffels die Folkrockband Mokes gründete. Wir starteten als typische Folk-Formation mit Banjo, Mandolinen, Gitarren und Mundharmonika. Gerade in der Anfangszeit verschaffte uns das Spielen traditioneller Irish Folk-, Bluegrass- und Country-Lieder eine Menge Auftritte in Pubs, Clubs und Kneipen wie auch auf Straßenmusik-Festivals in unserer Region, überregional und deutschlandweit.
Allerdings verloren wir nie den Hang zur Improvisation und dem eigenen Arrangieren der Stücke, sodass sich die Lieder oft in sich selbst verloren und wie eigene Stücke klangen. Es gab teilweise 15-minütig arrangierte und improvisierte Phasen in einem Standard wie „Drunken Sailor“. Aus dieser Energie heraus beschlossen wir dann doch, eigene Stücke zu schreiben. Das Ganze mündete dann in „Pablo“, unserem ersten Studioalbum, damals noch mit englischsprachigen Texten.

Mokes Auftritt 2022

Mokes Auftritt 2019
Diesem wankelmütigen und sich ständig ändernden Kurs blieben wir treu.
Ab 2020 beschlossen wir, unsere Texte in deutscher Sprache zu verfassen, doch in dieser Zeit machte uns die weltweite Corona-Pandemie einen Strich durch die Auftrittsmöglichkeiten. Ich schrieb in den ersten Lockdown-Phasen vermehrt deutschsprachige Texte für mein erstes Soloalbum – düstere, satirische, verbittert-melancholische Lieder; dieser Einfluss schlug sich nun auch auf die Band nieder. Somit wurde unser Slogan „Depressionismus zum Tanzen“, denn obwohl sich unsere Texte nun hauptsächlich mit der Hoffnungslosigkeit des Daseins in einem übermächtigen System beschäftigten, blieb unsere Musik und Live-Performance oft schnell und tanzbar. Die Kompositionen blieben bei verschiedensten Einflüssen aus unterschiedlichen Genres.
Diverse Alben und EPs von Mokes:
2018: Pablo
2020: Wenn der Tag anbricht
2023: Für dich ist das normal
Solo-Alben
„Simples Lied“ (2021)
2021 veröffentlichte ich unter meinem bürgerlichen Namen Angelo Herrmann mein Solo-Debütalbum „Simples Lied“. Es ist eine bewusste Beschränkung auf Stimme und Gitarre, als One-Take-Session live in meinem Schlafzimmer eingespielt, um den erzählenden Moment der Aufnahme zu bewahren. Inhaltlich bewegt es sich in einem Feld zwischen Satire und Schwermut. In dieser Zeit musste ich als Musiker und Person eine äußerst düstere Phase durchleben.
Die Auftritte, die mir jahrelang als Ventil meiner Energie dienten, wurden nun von einem auf den anderen Tag eingestellt. Dazu kamen persönliche Probleme, die ich nicht wie gewohnt als Performance auf der Bühne umsetzen konnte, beziehungsweise nicht auf die Art, wie ich es gelernt hatte. Damals probierten wir als Band ab und zu Live-Stream-Konzerte, so wie ich auch solo. Diese Art der Konzerte brachte aber bei mir persönlich nicht die gewohnte Befriedigung, meine kreative Arbeit geleistet zu haben. Was mir etwas half, war wieder ausgiebig zeichnen zu können. Damals zeichnete ich einen Zyklus von circa 100 Bildern über den systematischen Missbrauch und Vergewaltigung von toxisch-kapitalistischer, religiöser Männlichkeit an Mensch und Natur.
Ansonsten betrank ich mich sehr oft tagelang. Dennoch hatte ich das Glück, auf dem Land zu leben, sodass es für mich möglich war, vor die Tür zu gehen und auch im Garten zu arbeiten. Durch diese Arbeit, die ich bis dahin nie so intensiv vertieft hatte, bekam ich eine neue Chance, wieder Energie zu finden und das Gefühl, selbst wieder etwas in die Hand nehmen zu können, produktiv und dabei wieder etwas mehr mit sich selbst und dieser Erde verbunden zu sein. Aus dieser Phase und mit dieser Energie entwickelte sich letztendlich mein zweites Album.


„Unten am Fluss“ (2025)
„Unten am Fluss“ ist mein zweites Studioalbum, welches 2025 erschien. Das Album entstand in kompletter Eigenproduktion, aufgenommen und gemischt in meinem Home-Studio. Im Großen und Ganzen ist es am ehesten dem Genre Chanson und deutschsprachigem Folk zuzuordnen. In den Stücken steht der Text deutlich im Vordergrund, obwohl es auch einige Gitarrensoli und dynamische Wechsel und dramatische Arrangierungen gibt.
Die Texte wandeln zwischen Gesellschaftskritik, Zukunftsvision und Landschaftsimpressionen hin und her. „Unten am Fluss“ ist ein Konzeptalbum, das sich mit den Gegensätzen der menschlichen Art und der archaischen Macht der Natur beschäftigt, dargestellt durch das Element des Wassers. Diese Themen sind der rote Faden des Albums, der von immer wiederkehrenden Protagonisten wie zum Beispiel dem schwarzen Hund, der weißen Katze, singenden Fischen, Krähe und Käuzchen begleitet wird. Diese Lieder sehe ich persönlich als eine Art Wiedergeburt; sie repräsentieren die Landschaft um mich herum sowie meine eigene Persönlichkeit, geprägt von ständig wechselnden Strömungen, Hochwasser und Dürre, Stagnation und Aufbruch.


Musikalische Philosophie und Einflüsse
An die Musik
Meine Texte sind oft als poetische Monologe angelegt. Ich beobachte die Welt aus meiner persönlichen Perspektive und verarbeite dabei oft gesellschaftliche Themen, aber auch Naturbeobachtungen, Erinnerungen, Geschichte, Emotionen, manchmal auch mit satirischen Einflüssen.
Mein Gitarrenspiel ist technisch vom Flamenco angehaucht, verbindet sich jedoch mit Folkpicking zu einem eigenen Stil. Das liegt vor allem an meiner Begeisterung für verschiedene Gitarrenstile unterschiedlichster Musiker:innen, die ich bis heute höre: Paco de Lucía, Baden Powell, Rory Gallagher, Werner Lämmerhirt, Sister Rosetta Tharpe, Lightnin' Hopkins, um nur ein paar zu nennen. Meinem eigenen instrumentalen Spiel setze ich gerne feste Strukturen gegen offene Parts zum Improvisieren entgegen. Ich finde die Mischung, einen Song zu spielen, ihn je nach Stimmung zu verändern, zu assoziieren und am Ende wieder musikalisch nach Hause zurückzufinden, für mich am reizvollsten.
Meine musikalischen Prägungen sind wirklich sehr breit gefächert; sie reichen von italienischen Chansons und Schlagern, die ich als Kind in Bars und Restaurants von meinem Vater hörte, über Rock- und Popmusik des letzten Jahrhunderts bis hin zu Jazz, World, Country, Blues und Folklore aus Lateinamerika und Europa. Im Allgemeinen kann ich sagen: Wenn ich etwas gut finde, dann wird es in meine innere Playlist aufgenommen.
Als Liedermacher
Bei all diesen unterschiedlichen Genres hat mich aber die Musik sogenannter Liedermacher:innen immer am meisten berührt. Die größten Einflüsse auf mich hatten dabei die Lieder von: Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, Atahualpa Yupanqui, Georg Kreisler, Townes Van Zandt, aber auch Bands wie Element of Crime oder verschiedensprachige Volkslieder.
Die Einfachheit und gleichzeitig riesige Vielfalt dieser Musik, die sich ständig erneuert und doch auf eine Jahrhunderte oder Jahrtausende alte Tradition zurückgeht: Eine Geschichte, ein Gedicht gesungen, begleitet vom Saitenspiel einer Harfe oder Laute; ein Stück menschliche Geschichte, festgehalten in einem Lied für die nachfolgenden Generationen als kollektive Erinnerung und Gefühlsspiegel der jeweiligen Zeit. Diese Art der Lieder kommen meistens von unten, aus dem sogenannten einfachen Volk, für und von Außenstehenden sowie Verlierer:innen einer allgegenwärtigen, uralten, unterdrückenden Verteilung der Macht. Jedes Lied kann daher, unabhängig ob es nun ein Liebes-, Kampf-, Feier- oder Witzlied ist, eine Form von Widerstand sein. Das hat mich als Musiker und Mensch immer schon inspiriert. Dafür will ich auch meine Lieder singen, ungeachtet der Art oder Bekanntheit, für eine Welt, in der nicht das Recht der Mächtigen über dem der Menschlichkeit steht.


Ursprung und Kern der Arbeit
Unabhängig vom Medium sind meine Arbeiten oft Monologe über den ewigen Zwiespalt zwischen Maske und Gesicht, zwischen Bergen und Meer, Acker und Fabrik. Es sind bildhafte Geschichten der Seele, die einem kritisch-ironischen Unterton folgen – entstanden aus der schlichten, unumgänglichen Notwendigkeit, sich ausdrücken zu müssen. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich niemals eine akademische Ausbildung gemacht habe. Alles, was ich produziere, ist autodidaktisch; Musikunterricht hatte ich nur wenig, ein Studium oder Lehrgang im Zeichnen oder der Malerei ebenfalls nicht. Alles, was ich lernte, lernte ich durch meine Arbeit selbst, mit und von anderen Menschen, als Basis meines künstlerischen Ausdrucks durch die Gruppe Nebelhorn und ihren künstlerischen Leiter Raúl Avellaneda.
Die Thematiken, die mich antreiben, sind häufig gesellschaftlicher und persönlicher Natur; für mich gibt es da keine Grenze. Ich bin mir meiner Situation, meiner Privilegien, meiner Geschichte, meiner sozialen Herkunft und meiner Verantwortung als kreative Person sehr bewusst. Das bedeutet nicht, dass ich in Arbeiten und Person fehlerfrei und immer korrekt bin – ganz im Gegenteil. Als weißer europäischer Mann wurde ich auch wie viele andere sexistisch, rassistisch und homophob sozialisiert. Ich habe die gleichen Leistungs- und Bewertungsprogramme des Kapitalismus durchlaufen wie die meisten. Diese Programme haben mein Seelenleben angegriffen und vergiftet: familiär, sozial, psychisch und physisch. Meine Musik, meine Kunst ist ein ewiger Prozess, der auch dazu dient, mich zu entgiften und zu lernen, als Dokument einer Person unserer Zeit. Für eine Welt, so gut es geht, in der wir uns sowie alles um uns herum als beseelt wahrnehmen und nicht als Rohstoff mit variablem Marktwert.

Projekt Gruppe Nebelhorn: "Geschraubt, geschnürt, geklebt".
Alexianer Krankenhaus Münster, 2007
Projektarbeit zur 3D-Visualisierung "Novaesium", 2022


Zeichnung, Selbstportrait, 2009

Am Strand in Marina di Massa, 2000
